Universität-Gh Wuppertal
Note: 1,0
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Abgabedatum: 02.01.2000
Zusammenfassung: Der Untertitel von Hofmannsthals (1874-1929) „Jedermann“, „Erneuert von Hugo von
Hofmannsthal“, deutet bereits darauf hin, daß das Spiel nicht Hofmannsthals ureigenste
Schöpfung ist, sondern eine besondere Nähe zu seinen Quellen aufweist.
Bestätigt wird
dieser Eindruck durch die Vorrede, die seit der siebten Auflage aus dem Jahr 1912 dem
Spieltext vorangeht: „Man hat sie [die Geschichte von Jedermanns Ladung vor Gottes
Richterstuhl] das Mittelalter hindurch an vielen Orten in vielen Fassungen erzählt; dann
erzählte sie ein Engländer des fünfzehnten Jahrhunderts ...“ (S. 12). Hier deutet
Hofmannsthal eine seiner beiden Hauptquellen an, das 1480 entstandene und 1529 erstmals
gedruckte „Everyman“-Spiel, dessen Autor unbekannt ist.
Die zweite Hauptquelle wird im weiteren Verlauf der Vorrede angedeutet: „Ihrer einem schrieb
Hans Sachs seine Komödie vom sterbenden reichen Mann nach“ (S. 12).
Sachs hatte
nämlich 1549 Mecropedius’ Hecastus – der seinerseits auf Ischyrius’ Homulus-Bearbeitung
zurückgriff – kongenial ins Deutsche übersetzt.
Auf den „Everyman“ hatte Hofmannsthal 1903 sein Freund, Clemens Freiherr zu
Franckenstein, aufmerksam gemacht. Seit 1905 hatte Hofmannsthal dann an einer
Prosa-Konzeption des „Jedermann“ gearbeitet. Der Versuch blieb allerdings Fragment bzw.
ging in dem Prosa-Drama „Dominic Heintl“ auf. Im Oktober 1910 begann Hofmannsthal dann,
die bereits 1904 begonnene Übersetzung und Bearbeitung des „Everyman“ fortzusetzen.
Nachdem er 1911 den „Jedermann“ noch einmal völlig neu konzipierte und um Szenen
erweiterte, die im „Everyman“ keine Vorlage hatten, neben zahlreichen Quellen v. a. Hans
Sachs’ „Ein Comedi von dem reichen sterbenden Menschen, der Hecastus genannt“
einarbeitete, konnte er das Manuskript am 18. August 1911 fertigstellen. Im
Oktober/November 1911 erfolgte der erste Druck, im Dezember die Uraufführung in Berlin.
Den beiden Spielen gemeinsam ist ein Prolog und das auf ihn folgende Vorspiel im Himmel,
in dem Gott und der Tod miteinander sprechen. Im „Jedermann“ folgen dieser Szene mehrere
Szenen, die einen Einblick in Jedermanns Tagesablauf bieten; so sehen wir Jedermann
seinen Koch befehligen, ihn zusammen mit seinem Gesell einen armen Nachbar, der um ein
Almosen bittet, abweisen und einen Schuldknecht in den Schuldturm werfen; wir sehen ihn
ferner im Gespräch mit seiner Mutter und seine Buhlschaft empfangen.
Die Szenen haben im
„Everyman“ keine Entsprechung, ebensowenig wie die im „Jedermann“ folgende
Bankettszene. Beiden Spielen gemeinsam ist, daß Jedermann die Todesbotschaft erreicht
und er daraufhin um Geleit sucht: Bei Hofmannsthal bei seinem Gesellen, seinem dünnen
und dicken Vetter, schließlich bei seinem Geld, dem Mammon, im „Everyman“ bei seiner
Freundschaft und Sippschaft, dann ebenfalls bei seinem Besitz.
Hieran schließt sich das „allegorische Finale“ an, das im Hofmannsthalschen „Jedermann“
aus vier Szenen, im „Everyman“ aus drei Szenen der Läuterung besteht, denen sich in beiden
Werken zwei Szenen von Jedermanns Tod anschließen.
Im folgenden sollen diese Glaube-Werke-Szenen aus dem „Jedermann“ den entsprechenden
Szenen aus der erstgenannten Hauptvorlage, dem „Everyman“, gegenübergestellt werden, um
dann zu prüfen, was Hofmannsthal geändert, d. h. weggelassen, hinzugefügt oder variiert hat,
und was er beibehalten hat – ein Vorhaben, das der späte Hofmannsthal als absurd
bezeichnen würde, weil er den „Jedermann“ mehr und mehr als seine völlig eigene Schöpfung
bewertete und etwa die bis zur sechsten Auflage angefügten Quellenangaben in der siebten
Auflage des „Jedermann“ durch die die Quellen nur vage andeutende Vorrede ersetzte.
Entsprechungen werden in der Synopse mit der gleichen Schriftfarbe markiert,
Hinzufügungen Hofmannsthals werden dadurch kenntlich gemacht, daß die den Passagen
gegenüberliegenden „Everyman“-Spalte kein Text enthält, Kürzungen und nicht übernommene
Teile des „Everyman“ sind dadurch erkennbar, daß die „Jedermann“-Spalte dort leer ist. Weil
Hofmannsthal die Regieanweisungen alle gegenüber dem „Everyman“ ergänzte, wird dieser
Unterschied nicht besonders markiert.
Jeweils im Anschluß an die Formulierung von Aspekten der Neugestaltung des „Everyman“
durch Hofmannsthal soll versucht werden, Hofmannsthals Bearbeitung des „Everyman“
zaghaft zu deuten.